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Meine GI

Rede des Präsidenten der GI, Prof. Dr. Dr.h.c. Heinrich C. Mayr, anlässlich der Eröffnung der Informatik 2000 in Berlin

Softwaretechnik ist die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Informatik und Informationstechnologie sind zentrale Innovationsgebiete und Wirtschaftsfaktoren dieses Jahrhunderts, für ihre Nutzung und ihren Erfolg ist jedoch die Softwaretechnik ausschlaggebend.
So geht es beispielsweise bei den kürzlich versteigerten UMTS-Lizenzen um einen Massenmarkt, in dem das Handy bzw. seine integrierten Nachfolger zum zentralen Informations- und Kommunikationsgerät für den Abruf und für die Abwicklung von Dienstleistungen werden. Ermöglicht wird dies aber erst durch Software.
In der Softwaretechnik an der Spitze mit dabei zu sein, ist somit essenziell für die Zukunft Europas.

Der PITAC-Bericht

In den USA wurde diese Bedeutung der Softwaretechnik schon längst erkannt und entsprechend reagiert: Im so genannten externer LinkPITAC-Bericht, der im Auftrag des US-Präsidenten erstellt wurde, empfehlen 26 US-Experten zusätzliche öffentliche Fördermittel. Die höchste Priorität erhält dabei die Software, um sie fehlertoleranter, sicherer und leichter erlern- und bedienbar zu machen.
Auch sollen wiederverwendbare qualitätsgeprüfte Software-Bausteine entwickelt werden. Softwareforschung müsse zudem elementarer Bestandteil jeder größeren staatlichen IT-Forschungsinitiative werden.
Im PITAC-Report wird deshalb empfohlen, den Software-Etat auf ein Volumen von 540 Millionen US-Dollar für 2004 zu verfünffachen. Auch sollen strategische Forschungsinitiativen auf den Gebieten der skalierbaren Informationsinfrastrukturen, der Hochleistungsinformationsverarbeitung und gesellschaftlichen Durchdringung der Informationstechnik auf den Weg gebracht werden.Ziel ist es, die führende Rolle der USA in der Informationstechnologie im 21. Jahrhundert zu sichern und auszubauen.
Im Februar verabschiedete das US-Repräsentantenhaus schließlich ein Gesetz, das den Etat für die Forschung im IT-Bereich fast verdoppelte.

Das Walberberg-Memorandum

Alarmiert durch den PITAC-Bericht stellten 27 Experten auf Initiative derexterner Link Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im so genannten Walberberg-Memorandum fest, dass Deutschland den sich abzeichnenden Wettbewerbsnachteilen "bis hin zur völligen Abhängigkeit" nur entgehen könne, wenn alle verfügbaren Kräfte konsequent koordiniert und konzentriert werden.
Durch einen aktiveren Informationsaustausch zwischen der DFG und demexterner Link Bundesforschungsministerium (BMBF) sollen die vorhandenen Mittel effizient eingesetzt und die Förderprojekte und Themenbereiche optimal aufeinander abgestimmt werden. Auch wurde versucht, mit dem Konzept der DFG-"Ideenwerkstatt" Firmenneugründungen gezielt zu fördern.

Grundlagenforschung

Es geht hier jedoch nicht allein um unmittelbar wirtschaftlich verwertbare Forschungsergebnisse, sondern auch um längerfristig angelegte Grundlagenforschung, die deswegen übrigens nicht weniger anwendungsorientiert sein muss:
Im externer LinkPITAC-Bericht heißt es, Grundlagenforschung sei dringend notwendig, um alle Bereiche von Information und Kommunikation qualitativ zu verbessern und den Vorsprung der heimischen Industrie zu halten beziehungsweise auszubauen.
Allerdings nimmt vor allem aufgrund des Trends hin zu immer kleineren und billigeren Geräten der relative Anteil des Umsatzes, den Unternehmen in Grundlagenforschung stecken, stetig ab. Es sei deshalb Sache des Staates, so die US-Experten, mehr in die Grundlagenforschung zu investieren. 366 Millionen US-Dollar investieren die USA deshalb in ein neues Programm namens "Information Technology for the 21st Century" (IT2).
Uns allen ist klar, dass Deutschland hier nicht mit den USA mithalten kann. Wir sollten uns daher einerseits auf strategische Leitprojekte konzentrieren, um in einigen Bereichen Spitzenstellungen zu erlangen, und andererseits durch eine entsprechende Gestaltung und Ausstattung unserer Hochschulen einen möglichst hohen Standard in Forschung und Ausbildung gewährleisten.


Gewinnung qualifizierter Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler

Damit würde dann auch dem Abwanderungstrend von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erfolgreich entgegenwirkt werden: Die Hauptmotivation, die Hochschule in Richtung Ausland oder Wirtschaft zu verlassen, liegt nämlich neben finanziellen Gründen vor allem in den beruflichen Perspektiven und den ungünstigen Arbeitsbedingungen an unseren Hochschulen.
Normale Hochschulprofessuren müssen wieder attraktiv für exzellente Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen werden, Nachwuchskräfte müssen sich an der Hochschule entwickeln können.
Die jetzt in Gang gebrachten Initiativen des externer LinkBundesforschungsministerium (BMBF) und des externer LinkDAAD sind im Ansatz durchaus begrüßenswert, sie werden der Bedarfslage der Informatik in Deutschland aber nur zum Teil gerecht.
So heißt es in der offiziellen Begründung zu einem neuen Gastdozentenprogramm, dass "eine große Zahl von Lehrstühlen aus Gründen des Nachwuchsmangels und des Konkurrenzdrucks der Wirtschaft lange Zeit oder auf Dauer vakant bleiben".
Sagen wir es doch im Klartext: Die vakanten Stellen sind für die deutschen Nachwuchswissenschaftler/innen schlicht nicht attraktiv. Der "Zukauf von Lehrpersonal aus dem Ausland" kann keine dauerhafte Lösung sein, so wichtig eine Internationalisierung auf allen Ebenen ist. Auch die so genannten Überbrückungsprofessuren für deutsche Rückkehrer sind nur ein Notpflaster.
Immerhin: Das Problem scheint erkannt zu sein. Jetzt gilt es, umfassende und flexible Lösungen zu erarbeiten, und dies möglichst schnell. Bund und Länder, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, aber auch die Wirtschaft müssen hier an einem Strang ziehen.Die Gesellschaft für Informatik ist gerne bereit, daran nach Kräften mitwirken.

Softwarepatente

Derzeit findet eine sehr emotionale Diskussion zur Frage der Patentierung von Software statt. Das Patent ist der traditionelle Weg, eine technische Erfindung zu schützen. Nimmt man den Begriff Softwaretechnik ernst - und ich bin mir sicher, dass wir die zukünftigen, immer komplexer werden Aufgaben nur mit konsequentem ingenieurmäßigen Herangehen, also mit Software-Engineering solide und effizient werden lösen können - dann sollte man Erfindungen dieser Technik auch nicht grundsätzlich den Patentschutz verwehren.
Übrigens bin ich davon überzeugt, dass der Fachkräftemangel im Bereich der Informatik weniger dramatisch wäre und mit anderen Mitteln als etwa der Green-Card-Aktion bewältigt werden könnte, nämlich beispielsweise durch internationale Unternehmenskooperationen, wenn Software wirklich ingenieurmäßig und auf der Basis eines klar definierten und optimierten Entwicklungsprozesses erzeugt würde.
Es ist ein Missverständnis, dass der Patentierungsprozess wissenschaftliche Veröffentlichungen behindert. Mit der Anmeldung des Patents, die zügig durchgeführt werden kann, wird das Forschungsergebnis auch veröffentlicht.
Allerdings vergehen im Schnitt zwei bis drei Jahre, bis Patente erteilt werden. Hier sind kürzere Zeiten erforderlich, umgekehrt sollte man auch die Laufzeit von Patenten in der Softwaretechnik stark verkürzen. Universitäten und Forschungseinrichtungen könnten für ihre Forschung durchaus einen Nutzen aus Patenten ziehen.
Ein Beispiel hierfür ist das jetzt gerade abgelaufene Patent für den Kryptoalgorithmus RSA. Die Firma RSA-Security erhielt vom externer LinkMassachusetts Institute of Technology (MIT) eine Exklusivlizenz. Dafür musste sie an das MIT Lizenzgebühren abführen. Das Geld reichte dafür aus, einen eigenen Lehrstuhl am MIT einzurichten.
Zu Recht warnen Kritikerinnen und Kritiker vor der Gefahr von Trivialpatenten, die letztendlich als Mittel der Wettbewerbsverhinderung eingesetzt werden. Der Gefahr kann aber wirksam durch eine verbesserte Prüfpraxis begegnet werden:
Bislang gibt es zu wenig Informatikerinnen und Informatiker in den Patentämtern. Nur gut ausgebildete Patentexpertinnen und -experten sind jedoch in der Lage, nicht nur die Literatur zu evaluieren, sondern auch Produkte zu untersuchen.
Informatikerinnen und Informatiker sollten zudem die Patentämter bei Vergleichen mit Produktspezifikationen unterstützen. Unberechtigte und triviale Patente müssen entschieden angefochten werden. Dies fand bislang deshalb kaum statt, weil es nur wenige Softwarepatente gab und deshalb schnell Umgehungslösungen gefunden werden konnten.
Ein weiteres Problem sind die hohen Patentgebühren, besonders für Informatiker/innen aus den Reihen der Universitäten oder des Open-Source-Bereichs ist das ein großer Hemmschuh. Wichtig scheint mir auf alle Fälle ein breiterer Kenntnisstand über Patentfragen, der dann auch eine sachlichere Diskussion ermöglichen würde, als sie derzeit zu beobachten ist.
Wir werden daher in Zusammenarbeit mit der externer LinkDeutschen Informatik-Akademie (DIA) geeignete Seminare und Weiterbildungsveranstaltungen mit Fachleuten in Patentfragen für Hochschuldozent/innen sowie Praktiker/innen entwickeln.


Meine Damen und Herren, um auch künftig Spitzenleistungen in der Softwaretechnik zu erreichen, müssen wir unsere Hausaufgaben erledigen: Wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Erfolg kann nur innerhalb guter Rahmenbedingungen dauerhaft erreicht werden.

 

siehe auch:

 

20. September 2000, Cornelia Winter, Tel. 0228/302-147

 

Gesellschaft für Informatik e.V.

Ahrstr. 45

53175 Bonn

Tel 0228/302-145 (Geschäftsstelle)

Fax 0228/302-167

 

Für weitere Fragen stehen wir Ihnen gerne unter Kontakt zur Verfügung.

 

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